Altersvorsorge mit Kindern: Warum Eltern über 40 jetzt handeln sollten – bevor dein Dreijähriger deine Rente auffrisst
Es ist kurz vor Mitternacht. Die Kinder schlafen endlich, der Abend war ein einziges Programm aus Hausaufgaben-Motivation, Turnschuh-Suche und der Grundsatzfrage, ob Pasta mit Ketchup offiziell als Gemüse durchgeht. Ich sitze in der Küche, eigentlich müde, aber irgendetwas treibt mich noch einmal zum Laptop. Nicht der Feierabend-Rotwein. Nicht das neueste Update meines Lieblingsspiels. Es ist der Anblick der Renteninformation, die ich vor Monaten ungelesen in die Ablage geheftet habe.
Was soll ich sagen? Die Zahlen auf dem Papier sind nicht dramatisch. Sie sind schlimmer: Sie sind unspektakulär. Eine Zahl hier, eine Prognose da, ein freundlicher Hinweis, dass man sich „ergänzend um private Vorsorge bemühen“ möge. Kein Warnlicht, kein Alarm, kein blinkender Balken. Es ist, als würde dir jemand im Flugzeug erklären, die Schwimmwesten seien unter dem Sitz – während du gerade den letzten Keks an ein Kleinkind verfütterst, das in dreißig Jahren selbst eine Rente will, die dann womöglich niemand mehr bezahlt.
Dieser Artikel richtet sich an alle, die spät Eltern geworden sind oder noch kleine Kinder zu Hause haben – und genau in dem Moment merken, dass der Zirkel aus Beruf, Windeln, Elterngeld-Anträgen und „Wer bringt morgen wen in die Kita?“ keinen einzigen Platz mehr für das große Thema lässt: die eigene Altersvorsorge. Genau darum geht es hier. Ehrlich, mit einer Prise Humor und ohne den Zeigefinger, den man sonst nur von gut gelaunten Finanzberatern im Zwölf-Uhr-Termin kennt.
Das böse Erwachen am Küchentisch
Fangen wir mit der unbequemen Wahrheit an, die niemand auf die Einladungskarte zur Geburt schreibt: Die gesetzliche Rente wird uns nicht allein durch den Lebensabend tragen. Das Rentenniveau – also das Verhältnis der Rente zum durchschnittlichen Einkommen – liegt heute bei rund 48 Prozent und soll nach den offiziellen Projektionen weiter sinken, während der Beitragssatz in den kommenden Jahren Richtung 22 Prozent klettern dürfte. Gleichzeitig spielt uns die Demografie einen Streich: Die geburtenstarken Jahrgänge gehen in Rente, während deutlich weniger Junge nachrücken. Deutschland gehört mit einer Geburtenrate von gut 1,4 Kindern pro Frau zu den Schlusslichtern in Europa, das Durchschnittsalter der Mütter beim ersten Kind liegt laut Statistischem Bundesamt bei über 30 Jahren. Und weil wir alle immer älter werden – Männer im Schnitt rund 78, Frauen rund 83 Jahre –, muss das Ersparte auch immer länger reichen.
Kurz gesagt: Der Generationenvertrag ist nicht gekündigt, aber er hat einen Freizeitlook angenommen. Wer heute 40 ist und davon träumt, mit 67 die Füße hochzulegen, darf sich warm anziehen – oder, viel besser, selbst etwas tun.
Das Problem ist nur: Eltern über 40 sind chronisch mit Wichtigerem beschäftigt. Wir verwalten Kita-Plätze, Geburtstagseinladungen und die Choreografie des morgendlichen Anziehens. Zwischen „Du bekommst den Turnbeutel nicht angezogen“ und „Nein, du darfst nicht mit dem Fahrrad in die Schule“ ist schlicht kein Platz für Gedanken über Aktienmärkte. Und genau darin liegt die Ironie: In genau den Jahren, in denen wir uns am wenigsten um Geld kümmern, entscheidet sich am meisten.
Der Zinseszins-Faktor: Das einzige Zeitfenster, das sich nicht verschieben lässt
Ich habe einen Bekannten, nennen wir ihn mal Ralf – eigentlich heißen alle Finanz-Anekdoten bei mir „Ralf“. Ralf hat vor zwanzig Jahren mal einen Sparplan angelegt, „als die Zeit noch auf seiner Seite war“. Heute steht er mit 52 vor der Frage, wie er seine zwei Kinder durchs Studium bringt und trotzdem irgendwann in Rente geht. Sein Trostpflaster: Er rechnet mit dem Zinseszins, als wäre er ein Naturgesetz, das ihn nicht betrifft. Spoiler: Der Zinseszins kennt keine Gnade. Er belohnt die, die früh anfangen, und bestraft die, die es auf den nächsten Montag verschieben.
Mathematisch heißt das: Wer mit 30 anfängt und monatlich 200 Euro anlegt, steht bei 67 meist deutlich besser da als jemand, der mit 45 das Doppelte einzahlt. Der Grund ist simpel – der Zinseszins braucht Zeit, und die ist unser knappstes Gut. Wir Spätstarter haben weniger Jahre, aber dafür etwas anderes: Wir wissen, dass wir handeln müssen. Und aus dieser Erkenntnis kann echte Energie entstehen.
Die Zahlen dazu sind nicht neu, aber sie tun trotzdem weh: Ein Start mit 45 statt 30 kostet bei gleicher monatlicher Rate über die Jahre hinweg eine ordentliche Summe an entgangenem Vermögen – einfach, weil das Geld weniger lange arbeiten durfte. Es ist, als würdest du deinen Kindern erklären, warum die Pflanze im Fensterbrett langsamer wächst als die im Garten: weil sie weniger Licht und weniger Zeit hatte. Nur dass hier nicht die Pflanze leidet, sondern du selbst im Rentenalter.
Die gute Nachricht: Späte Eltern sind die besseren Eltern
Bevor wir jetzt alle in kollektive Spätselbstmitleidssuppe verfallen: Die Forschung ist auf unserer Seite. Der Demograf Mikko Myrskylä vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung und seine Kollegin Rachel Margolis zeigten in der vielzitierten Studie „Happiness: Before and After the Kids“ (Fachzeitschrift „Demography“, 2014), dass Menschen, die ihr erstes Kind nach dem 35. Lebensjahr bekommen, danach im Schnitt glücklicher sind als davor – während es bei jüngeren Erstgebärenden oft genau umgekehrt ist. Mit anderen Worten: Wer später Vater oder Mutter wird, kommt mit mehr Gelassenheit, mehr Lebenserfahrung und einem ausgeprägteren Sinn für Prioritäten in die Rolle.
Ich weiß, wovon ich rede. Wenn ich mich an die ersten Monate mit meinem ersten Sohn erinnere, war ich vor allem eins: müde. Aber ich war eben auch eins: sicherer. Sicherer in meinem Job, in meiner Ehe, in der Frage, was wirklich zählt. Mit zwanzig hätte ich vermutlich drei Minuten nach der Geburt nach dem Kursverlauf geschaut. Heute schaue ich nach den Zehen, um zu prüfen, ob alle da sind – und lasse das Geld liegen.
Auch der Entwicklungspsychologe Erik Erikson hätte uns verstanden. Er nannte die zentrale Aufgabe des mittleren Erwachsenenalters „Generativität“ – das Bedürfnis, etwas an die nächste Generation weiterzugeben, statt in Selbstbezogenheit und Stillstand zu versinken. Genau das ist späte Elternschaft in Reinform: Wer mit über 40 noch Windeln wechselt, hat schlicht keine Zeit für Selbstmitleid. Und das ist vielleicht die beste Anti-Midlife-Krise der Welt. Die Kollegen im Sportverein bestellen plötzlich ein Fahrrad mit Kindersitz, und der Jüngste in der Runde ist nicht mehr der mit dem coolsten Auto, sondern der, dessen Nächte am wenigsten von nächtlichen Diskussionen über Dinosaurier unterbrochen werden.
Die Sandwich-Generation: Zwischen Wickeltisch und Pflegeheim
Was die späte Elternschaft aber auch mitbringt, ist ein zusätzlicher Kandidat im Bunde der Verpflichtungen: unsere eigenen Eltern. Wir gehören zur sogenannten Sandwich-Generation – die Generation, die gleichzeitig für die eigenen kleinen Kinder und für die alternden Eltern da sein muss. Das ist kein Randphänomen, sondern längst eine Lebensrealität, die in keiner Familienplanung vorgesehen war und trotzdem überall stattfindet.
Eine Freundin von mir – nennen wir sie Inga – arbeitet Teilzeit, holt ihre beiden Kinder aus der Grundschule ab und fährt danach zwei Mal pro Woche zu ihrer Mutter, um Einkäufe zu bringen, Formulare zu sortieren und sich anzuhören, dass die Nachbarin damals doch viel klüger gewesen sei. Inga ist 49, und der Gedanke an ihre eigene Rente kommt ihr wie ein Luxus vor, den man sich aufschiebt, bis man dafür Zeit hat – also nie. Ihr Notgroschen ist das Gefühl, dass es irgendwie schon weitergeht. Bis es nicht mehr weitergeht.
Genau hier wird der Unterschied zwischen Vorsorge und Verdrängung sichtbar. Wer für sich selbst vorsorgt, entlastet im Zweifelsfall auch die eigenen Kinder – die nämlich sonst später in die Rolle rutschen, die Inga heute übernimmt. Die beste Altersvorsorge ist also auch ein Geschenk an die nächste Generation: Sie müssen uns später nicht durchfüttern.
Fünf Schritte, die wirklich etwas bringen
Jetzt wird es praktisch. Wer zwischen 38 und 55 ist und kleine Kinder hat, braucht keinen Fünfzig-Punkte-Plan, sondern ein paar kluge, machbare Schritte. Hier kommt meine persönliche Checkliste – sie hat nichts mit Magie zu tun, sondern mit dem, was ich selbst in den letzten Jahren gelernt und bei Freunden und Verwandten beobachtet habe.
1. Erst der Puffer, dann das Depot. Bevor irgendein Geld in Aktien oder Fonds wandert, braucht jeder Haushalt mit Kindern einen Notgroschen für drei bis sechs Monatsausgaben. Denn es gibt nichts Ehrlicheres als die Situation, in der das Heizungsrohr platzt, während das Kindergeld gerade erst gedacht wurde. Wer auf dem Konto pufferlos lebt, verkauft im Zweifel sein Depot genau im falschen Moment – ausgerechnet dann, wenn die Kurse unten sind.
2. Teure Schulden zuerst. Ein Dispokredit bei der Hausbank ist kein Freund, sondern ein teurer Mitbewohner, der nie die Miete zahlt. Alles, was mehr als ein paar Prozent Zinsen kostet, sollte vor dem Sparen abgelöst werden. Klingt unspektakulär, ist aber der beste „sichere Gewinn“, den es gibt.
3. Klein anfangen, aber automatisch. Ein ETF-Sparplan mit fünfzig oder hundert Euro im Monat klingt nach Taschengeld, ist aber der berühmte erste Schritt. Entscheidend ist nicht die Höhe am Anfang, sondern die Regelmäßigkeit – und dass man den Sparplan als Dauerauftrag einrichtet, damit er auch läuft, wenn man mal wieder eine Woche lang nur über die Frage nachdenkt, ob der Zahnarzttermin wirklich vor der Mathearbeit sein musste. Wer sich einen verständlichen Einstieg wünscht, dem sei das Buch „Das einzige Buch, das du über Finanzen lesen solltest“ von Thomas Kehl und Mona Linke (die Macher von Finanzfluss) ans Herz gelegt. Es erklärt ohne Fachchinesisch, warum breit gestreute Aktien-ETFs für den langen Atem die einfachste Lösung sind. Wer später richtig tief einsteigen will, kommt an „Souverän investieren mit Indexfonds und ETFs“ von Gerd Kommer kaum vorbei – das ist das Standardwerk der deutschsprachigen ETF-Literatur und kein Buch, das man sich nebenbei beim Kinderarzt durchblättert.
4. Auf den Ernstfall vorbereiten. Der wichtigste Vermögenswert der meisten Familien ist nicht das Depot, sondern das Einkommen der Hauptverdienerin oder des Hauptverdieners. Eine Berufsunfähigkeitsversicherung ist für einen Elternteil über 40 mit Kindern oft wertvoller als jede zusätzliche Aktie – und ja, ich weiß, das klingt nach dem Verkäufer, der einem schon die Riester-Rente angedreht hat. Letztere übrigens ist ein gutes Beispiel dafür, wie man es nicht machen sollte: Viele Verträge aus den Nullerjahren sind teuer, kompliziert und lohnen sich kaum. Wer einen hat, sollte ihn mit kühlem Kopf prüfen lassen statt aus Pflichtbewusstsein weiterzuzahlen.
5. Testament, Patientenverfügung, Vollmacht. Das klingt jetzt nach Endstation, ist aber nachweislich der unscheinbarste Lebensretter für Familien. Wer mit kleinen Kindern stirbt oder schwer erkrankt, ohne dass geregelt ist, wer sich um wen kümmert, hinterlässt ein ordentliches Chaos. Zwei Vormundschaften zu benennen und eine Vorsorgevollmacht zu unterschreiben kostet einen Nachmittag – und gibt mehr Seelenfrieden als jedes überteuerte Finanzprodukt. Meine Frau und ich haben das an einem verregneten Sonntag erledigt, während die Kinder mit Bauklötzen beschäftigt waren. Es war der erwachsenste Sonntag unseres Lebens. Am Dienstag waren wir wieder beim Ausmalen von Pappkartons.
Und was ist mit dem Geld für die Kinder?
Eine der häufigsten Fragen in unserem Freundeskreis lautet: Sollen wir lieber für die Kinder sparen oder für uns? Die ehrliche Antwort überrascht viele: Erst die eigene Vorsorge, dann die der Kinder. Im Flugzeug sagt man es ja auch so: Erst die eigene Sauerstoffmaske, dann die des Kindes. Denn ein Kind, das später wegen der Eltern finanziell geradestehen muss, freut sich über das eine oder andere gesparte Studiensemester wenig – wohl aber über Eltern, die im Alter auf eigenen Füßen stehen.
Das heißt nicht, dass man nichts für die Kinder zurücklegen darf. Ein Junior-Depot oder ein kleiner Sparplan fürs Studium ist ein schönes Geschenk – aber eben ein Geschenk, kein Rettungsanker. Und wer den Kindern von klein auf vorlebt, dass man mit Geld vernünftig umgeht, schenkt ihnen ohnehin das Wertvollste: das Vorbild. Taschengeld, das in drei Töpfchen aufgeteilt wird – ausgeben, sparen, verschenken –, wirkt im Kinderzimmer manchmal Wunder. Vor allem, wenn Papa erklärt, warum der Familienausflug ins Legoland im nächsten Jahr geplant werden kann, weil wir dafür gespart haben.
Der beste Zeitpunkt war vor zwanzig Jahren. Der zweitbeste ist jetzt.
Am Ende bleibt ein Satz, den ich in verschiedenen Varianten überall gehört habe und der trotzdem immer wieder wahr ist: Der beste Zeitpunkt, einen Baum zu pflanzen, war vor zwanzig Jahren. Der zweitbeste Zeitpunkt ist heute. Für uns Eltern über 40 gilt dasselbe – nur dass unser Baum diesmal aus einem Sparplan besteht.
Wir haben die Nachteile der späten Elternschaft schon erwähnt: weniger Zeit für den Zinseszins, mehr gleichzeitige Verpflichtungen, der berühmte Spagat zwischen Wickeltisch und Karriere. Aber wir haben auch die Vorteile: mehr Einkommen, mehr Erfahrung, mehr Gelassenheit und die klare Erkenntnis, dass es jetzt nicht mehr um „irgendwann“, sondern um „jetzt“ geht. Wer mit über 40 zum ersten Mal Windeln wechselt, hat schon Schlimmeres gelernt – zum Beispiel, mit fünf Stunden Schlaf auszukommen oder eine Kita-Eingewöhnung durchzustehen. Eine monatliche Sparrate einzurichten, ist dagegen geradezu Erholung.
Also, liebe Eltern zwischen 38 und 55: Holt die Renteninformation aus der Ablage. Stellt den Dauerauftrag ein. Stellt die Frage nach der Berufsunfähigkeit, bevor sie sich von selbst stellt. Und gönnt euch abends, wenn die Kinder schlafen, keinen dritten Blick auf die Gebrauchtwagenportale – sondern auf die Zahlen, die euer Leben im Alter bestimmen.
Und wenn euch jemand fragt, warum ihr mit 47 noch anfängt: Sagt, ihr pflanzt einen Baum. Genauer: einen kleinen, geduldigen, breit gestreuten Baum – mit einem Kind darunter, das eines Tages im Schatten davon sitzt.