Lob richtig einsetzen: Warum „Gut gemacht“ nicht immer gut ist

„Gut gemacht!“ – der harmloseste Satz der Erziehung? Von wegen!

Es ist Sonntag, halb zehn. Meine beiden Söhne turnen auf dem Teppich herum, meine Frau ist noch beim Sport, ich habe mir gerade den zweiten Kaffee eingeschenkt und gedacht: gleich gibt es Frühstück, dann wird das schon. Kein Chaos, keine Schreierei, ein friedlicher Moment. Und was mache ich in diesem friedlichen Moment, anstatt ihn zu genießen? Ich sage: „Gut gemacht!“

Wofür, weiß ich nicht mehr. Vielleicht, weil der Kleine seine Socken angezogen hat. Vielleicht, weil er sich nicht auf den Kopf gestellt hat. Vielleicht auch einfach, weil mir der Satz so selbstverständlich aus dem Mund gerutscht ist wie der letzte Schluck Kaffee. „Gut gemacht“ ist bei mir zum Automatismus geworden – zu einer Art Standard-Geräusch, mit dem ich die Geräuschkulisse unseres Familienlebens begleite, ähnlich wie das Gurgeln der Spülmaschine.

Und genau da liegt das Problem. Denn „Gut gemacht“ ist nicht nur harmloses Alltagsgeplapper. Es kann, wie die Forschung der letzten Jahre zeigt, ziemlich genau das Gegenteil von dem bewirken, was wir Eltern uns davon versprechen. Schlimmer: Es kann Kinder regelrecht ausbremsen. Ich will in diesem Artikel erklären, warum das so ist – und was man stattdessen tun kann.

Wir loben wie die Weltmeister – und meinen es doch so gut

Als Eltern, die später im Leben Kinder bekommen haben, haben wir eine besondere Beziehung zum Lob. Wir haben lange auf unseren Nachwuchs gewartet. Wir haben viel vorbereitet, viel gelesen, viel googelt. Und jetzt, wo die Kinder da sind, wollen wir alles richtig machen. Wir wollen unsere Kinder bestärken, ihnen Selbstvertrauen geben, ihnen zeigen, dass sie großartig sind. Also loben wir.

Die Statistik macht deutlich, dass wir mit dieser Haltung längst nicht allein sind. Laut Statistischen Bundesamt waren Mütter 2024 bei der Geburt ihres ersten Kindes im Schnitt 30,4 Jahre alt, Väter 33,3 Jahre. Vor gut 30 Jahren waren Mütter bei der Geburt ihrer Kinder insgesamt noch knapp vier Jahre jünger. Wir sind also eine Generation, die Karriere gemacht, gereist, sich selbst verwirklicht hat – und dann kommt das Kind. Und mit dem Kind kommt die Erkenntnis: Da ist noch ein Mensch, den ich fürs Leben prägen soll. Mit jedem Satz. Mit jedem „Gut gemacht!“.

Da liegt die Krux. Wir nehmen das Loben so ernst wie früher die Vertragsverhandlungen – aber leider ohne die Präzision, die wir in Meetings an den Tag legen. Im Büro hätte ich nie zu einem Mitarbeiter gesagt: „Na, läuft!“ und es dabei belassen. Zuhause sage ich es dreißigmal am Tag. Dabei ist genau das das Problem, das die Psychologie seit Jahrzehnten beschreibt: Unspezifisches Lob ist wertlos. Es ist wie eine Umarmung im Vorbeigehen: Man spürt sie kaum.

Was die Forschung wirklich sagt: Drei Studien, die Eltern umdenken lassen

Fangen wir mit der bekanntesten an: der Arbeit von Carol Dweck, Psychologin an der Stanford University. In den berühmten Experimenten von Dweck und ihrer Kollegin Claudia Mueller wurden Kinder nach Aufgaben gelobt – die einen für ihre Intelligenz („Du bist ja so schlau!“), die anderen für ihre Anstrengung („Du hast dich richtig angestrengt!“). Das Ergebnis war verblüffend: Die „schlau“ gelobten Kinder mieden danach schwierige Aufgaben, gaben schneller auf und betrachteten Misserfolge als Beweis dafür, dass sie eben doch nicht so schlau sind. Die Kinder, die für ihren Einsatz gelobt wurden, stürzten sich dagegen auf die kniffligen Aufgaben und hatten sogar Spaß daran. Sie hatten verstanden: Wenn es schwierig wird, kann ich etwas tun – mich anstrengen.

Die zweite wichtige Studie stammt vom niederländischen Psychologen Eddie Brummelman und erschien 2014 in der renommierten Zeitschrift Psychological Science. Sie befasst sich mit „übertriebenem Lob“ – also dem, was wir Eltern am liebsten verteilen: „Das ist ja das schönste Bild der Welt!“ Brummelman und sein Team ließen 240 Kinder ein Gemälde von Van Gogh abmalen und bekamen danach eine Bewertung von einem angeblichen „Profi-Maler“ – entweder gar keine, eine normale („Gutes Bild!“) oder eine übertriebene („Das ist unglaublich gut!“). Dann durften die Kinder wählen, welches Bild sie als Nächstes malen wollten. Das Ergebnis war ernüchternd: Kinder mit geringem Selbstwertgefühl, die übermäßig gelobt worden waren, wählten danach auffallend oft die einfachsten Vorlagen. Sie trauten sich die schwierigen Bilder nicht mehr zu, weil sie befürchteten, die hohe Messlatte nicht noch einmal zu erreichen.

Und das Beste beziehungsweise Schlimmste kommt noch: In einer weiteren Studie mit über 350 Eltern zeigte Brummelmans Team, dass Erwachsene gerade die Kinder mit niedrigem Selbstwertgefühl am häufigsten übermäßig loben. Im Labor gaben Erwachsene den (fiktiven) unsicheren Kindern doppelt so viel „aufgeblähtes“ Lob wie den selbstbewussten – ausgerechnet den Kindern, denen es am meisten schadet. Eine andere Untersuchung desselben Teams zeigte zudem, dass personenbezogenes Lob („Du bist super!“) nach einem Misserfolg zu deutlich stärkerer Scham führt als verhaltensbezogenes Lob („Das hast du toll gemacht!“). Das ist der Moment, in dem man als Eltern kurz innehalten und den Satz „Du bist so schlau“ endgültig in die Mottenkiste legen möchte.

Zu guter Letzt gibt es noch die Studie des Entwicklungspsychologen Kang Lee von der Universität Toronto: Er ließ Kinder ein Ratespiel spielen und lobte sie danach entweder mit „Das hast du diesmal sehr gut gemacht“ oder mit „Du bist so schlau“. Die als „schlau“ gelobten Kinder schummelten danach eher, wenn sie die Chance dazu hatten – weil sie ihren Status als „das schlaue Kind“ um jeden Preis verteidigen wollten. Intelligenzlob setzt Kinder also nicht nur unter Druck, es macht sie im Zweifelsfall sogar zu kleinen Strategen der eigenen Selbstinszenierung.

„Gut gemacht“ im Alltag: Eine Beichte in drei Szenen

So weit die Theorie. Ich weiß, wie das klingt: Wieder einer, der im Internet Studien liest und jetzt alles besser weiß. Deshalb ein ehrlicher Blick in unseren eigenen Alltag – inklusive der Momente, in denen ich mich ertappt habe.

Szene eins: Mein Sohn malt ein Bild, ganz in Blau und Lila, irgendetwas zwischen Drachen und Waschmaschine. Ich sage: „Das ist ja wunderschön! Das schönste Bild, das ich je gesehen habe!“ Ehrlich gesagt: Es war kein besonders gutes Bild. Aber es war von ihm, und er sah mich so erwartungsvoll an. Kurz darauf steht er vor einem leeren Blatt, der Stift zittert, und er sagt: „Ich weiß nicht, was ich malen soll. Was, wenn es nicht mehr so schön wird?“ Da war sie, die Rückseite der Medaille. Mein Superlativ hatte aus einem spielerischen Moment eine Leistungssituation gemacht – und damit die Angst vor dem Nicht-mehr-Genügen ausgelöst. Genau das beschreibt die Brummelman-Studie.

Szene zwei: Beim Fußballtraining habe ich einem Jungen zugesehen, der den Ball dreißigmal an die eigene Stirn geköpft hat und trotzdem weitergemacht hat. Sein Vater, ein Freund von mir, ebenfalls spät Vater geworden, sagte hinterher nur: „Du warst heute echt nicht der beste, aber du hast dich reingehängt. Das zählt.“ Ich war fast ein bisschen neidisch. Dieser Satz ist Gold wert: ehrlich, spezifisch und auf die Anstrengung bezogen. Mein Freund, der im Beruf eine Leitungsposition hat und es gewohnt ist, Feedback zu formulieren, hatte einfach das übertragen, was er im Job gelernt hatte: konkretes, an der Sache orientiertes Feedback. Ich dagegen verteile in der Erziehung Lob wie ein Regisseur Oscar-Verleihungen.

Szene drei, meine Lieblingsszene: Abends beim Zähneputzen. Ich sage zu meinem älteren Sohn: „Super gemacht!“ – als hätte er gerade einen Doppelsalto mit Schraube vollführt und nicht einfach Zahnpasta auf die Bürste gedrückt. Er guckt mich an, schaut auf die Bürste, dann wieder auf mich. „Papa?“, fragt er. „Du sagst immer dasselbe.“ Da hat mich mein eigener Sohn durchschaut. Kinder spüren, wenn Lob nichts kostet. Und ein Lob, das nichts kostet, ist wie ein Gutschein ohne Guthaben: Man freut sich kurz, aber man kann nichts damit kaufen.

Warum gerade wir späten Eltern in die Lob-Falle tappen

Es gibt einen Grund, warum ich diese Falle so gut kenne – und ich glaube, viele Eltern in unserer Altersgruppe werden sich darin wiedererkennen. Wir sind nicht in die Elternschaft gestolpert, als wir selbst noch halbe Kinder waren. Wir sind mit einer fertigen Leistungslogik gestartet. Jahrzehntelang wurden wir selbst nach Ergebnissen bewertet: nach Noten, nach Zielen, nach Jahresgesprächen. Dieses Muster übertragen wir auf unsere Kinder, meist unbewusst.

Gleichzeitig haben wir so lange auf diese Kinder gewartet, dass wir sie fast schonend behandeln. Wir wollen ihnen ersparen, was wir selbst als Druck empfunden haben. Also loben wir großzügig, statt ehrlich zu sein. Wir loben die Leistung, statt den Prozess. Und wir loben vor allem uns selbst über den Umweg des Kindes: Wer ein „tolles Kind“ hat, ist ja auch ein „toller Vater“.

Die gute Nachricht: Diese späte Elternschaft bringt auch Vorteile mit sich, die junge Eltern oft nicht haben. Wir sind gelassener. Wir wissen, dass nicht jeder Fehler eine Katastrophe ist – das haben wir im Beruf gelernt, wo uns ein abgelehnter Projektantrag nicht umgebracht hat. Wir sind finanziell stabiler und können unseren Kindern mehr Zeit und Aufmerksamkeit schenken. Und wir haben, ganz ehrlich, mehr Geduld für die Frage, warum ein Fünfjähriger freiwillig das Verkleiden mit der Zahnbürste verwechselt. Diese Gelassenheit ist ein Riesenschatz – wir müssen sie nur auch in unser Lob einbauen. Denn das ist der Kern: Nicht weniger loben, sondern besser loben. Genauer, ehrlicher, mutiger.

So geht es besser: Sieben praktische Tipps für das ehrliche Lob

Was also tun? Hier ist, was ich in den letzten Jahren gelernt habe – und was die Forschung stützt:

  • Beschreiben statt bewerten. Statt „Gut gemacht!“ einfach beschreiben, was man sieht: „Ich sehe, du hast alle Schuhe in die Reihe gestellt. Die Flur sieht jetzt richtig ordentlich aus.“ Das Kind lernt, was konkret gut war, und kann die Situation selbst bewerten. Das schult das Selbstbild viel besser als jedes Etikett.
  • Den Prozess loben, nicht die Person. Nicht „Du bist so schlau!“, sondern „Du hast echt lange überlegt und nicht aufgegeben – das hat sich gelohnt.“ Und nicht „Du bist ein Naturtalent“, sondern „Du hast heute beim Training richtig gekämpft.“
  • Weniger Superlative. „Das schönste Bild der Welt“ heißt auf dem Kindermarkt: „Nächstes Mal muss es wieder das schönste Bild sein.“ Ein schlichtes, aufrichtiges „Das gefällt mir“ trägt viel weiter als ein „unglaublich fantastisch“.
  • Nachfragen statt bewerten. Statt eine Leistung abzunicken, kann man neugierig sein: „Was hat dir daran am meisten Spaß gemacht?“ oder „Wie hast du das hingekriegt?“ Das Kind erzählt – und entwickelt dabei Stolz auf den eigenen Weg.
  • Liebe von Leistung entkoppeln. Der wichtigste Satz überhaupt: „Ich hab dich lieb – egal ob du gewinnst oder verlierst.“ Genau das nehmen Kinder mit. Wer weiß, dass er auch nach einem Misserfolg geliebt wird, kann sich trauen, schwierige Aufgaben anzugehen.
  • Auch mal schweigen können. Nicht jede kleine Handlung braucht ein Lob. Wer jede Socke, jede Gabel, jede Schleife bejubelt, macht das Kind abhängig von Applaus. Ein Lächeln, ein Nicken, ein Daumen hoch genügt oft – und ist ehrlicher als ein verbaler Feuerwerkskörper.
  • Fehler als Ausgangspunkt nehmen. Wenn das Turmbau-Experiment gescheitert ist, ist das keine Niederlage, sondern Datenmaterial: „Warum ist er umgekippt? War der Boden schief? Zu viel Bauklotz auf einer Seite?“ Wer das übt, erzieht ein Kind, das Neues ausprobiert, statt sich zurückzuziehen.

Wer sich tiefer mit dem Thema beschäftigen möchte, dem seien zwei Bücher ans Herz gelegt, die ich selbst in unserem Regal stehen habe und von denen ich ehrlich sagen kann, dass sie mein Lob-Verhalten verändert haben. Zum einen das Standardwerk von Carol Dweck, in dem sie ihr Konzept der wachstumsorientierten Denkweise ausführlich erklärt: „Selbstbild: Wie unser Denken Erfolge oder Niederlagen bewirkt“. Zum anderen der Kommunikations-Klassiker von Adele Faber und Elaine Mazlish, der einen ganzen Abschnitt dem richtigen Umgang mit Lob widmet: „So sag ich’s meinem Kind“. Beide haben bei mir mehr bewirkt als so mancher Erziehungsratgeber, der uns in der Elterngruppe als Pflichtlektüre aufgetragen wurde.

Der Blick nach innen: Auch wir Eltern brauchen ehrliches Lob

Und jetzt die unbequeme Wahrheit zum Schluss: Bevor wir unsere Kinder richtig loben können, müssen wir vielleicht erst einmal lernen, mit uns selbst umzugehen. Denn wer selbst nie ein ehrliches „Gut gemacht“ bekommen hat, sondern nur Zensuren und Jahresgespräche, der weiß nicht, wie sich ehrliche Wertschätzung anfühlt. Wir sind als späte Eltern eine Generation, die oft gnadenlos mit sich selbst ist. Der innere Kritiker sitzt bei uns allen auf dem Chefsessel.

Deshalb ein Vorschlag: Üben Sie am eigenen Küchentisch. Sagen Sie zu sich selbst (oder besser noch zu Ihrem Partner, Ihrer Partnerin), was Sie an sich schätzen – konkret und ehrlich. „Ich bin heute nicht ausgerastet, obwohl ich müde war. Das war stark.“ Klingt albern? Vielleicht. Wirkt es? Ja. Denn Kinder lernen nicht, was wir predigen, sondern was sie sehen. Wenn sie erleben, dass auch wir Fehler eingestehen, uns anstrengen und uns ehrlich freuen können, dann haben sie das beste Lob der Welt bekommen: eines, das wirklich etwas wert ist.

Und wenn ich heute, beim Zähneputzen, kurz davor bin, „Gut gemacht!“ zu sagen, dann halte ich inne und sage stattdessen: „Hey, du hast sogar die Zahnpasta ohne Kleckern auf die Bürste bekommen. Das ging ja heute richtig zackig.“ Mein Sohn grinst. Und ich? Ich habe das Gefühl, endlich wieder etwas wirklich Gutes gemacht zu haben.

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