Elternabend überleben: Zwischen wichtigen Infos und endlosen Diskussionen
19:30 Uhr, eine Grundschule in Deutschland. Die Stühle stehen im Halbkreis und sind offenbar für Menschen gebaut, die kleiner als 1,50 Meter sind. An der Tafel hängt ein laminiertes Schild: „Elternabend – bitte Platz nehmen“. Mein Rücken meldet sich sofort zu Wort und schlägt vor, wieder nach Hause zu gehen. Ich ignoriere ihn. Ich bin Vater, ich sitze hier, ich habe meine Pflichten. Und irgendwo in diesem Raum sitzt ein Mensch, der gleich 45 Minuten lang über das richtige Verfahren zur Bestellung von Rechenheften referieren wird. Herzlich willkommen im Elternabend. Willkommen im Leben all jener, die spät Eltern geworden sind und jetzt zwischen Beruf, Verantwortung und dem unbändigen Drang, endlich einmal nichts tun zu dürfen, hin- und hergerissen werden.
Warum wir überhaupt hier sitzen
Werfen wir einen ehrlichen Blick auf unsere Generation. Laut Statistischem Bundesamt ist das Durchschnittsalter von Frauen bei der Geburt ihres ersten Kindes in Deutschland auf über 30 Jahre gestiegen – in den 1970er-Jahren waren es noch rund 24. Der Anteil der Erstgebärenden ab 35 hat sich seither vervielfacht, und Väter sind im Schnitt sogar noch ein wenig älter. Wir sind die Generation, die erst die Ausbildung abgeschlossen, die Karriere angekickt, die halbe Welt bereist und dann irgendwann festgestellt hat: Ah ja, stimmt, Kinder! Wir kommen also zum Elternabend mit deutlich mehr Lebenserfahrung im Gepäck – und mit deutlich weniger Elastizität in den Knien. Als meine Eltern damals auf Elternabende gingen, waren sie Anfang dreißig und konnten nach zwei Stunden auf einem Plastikstuhl wieder normal gehen. Ich brauche dafür inzwischen eine Woche und ein gutes Gespräch mit meinem Physiotherapeuten.
Die Dramaturgie des Elternabends – ein Phasenmodell
Der Ablauf ist überall gleich, als hätte das Kultusministerium ein Drehbuch geschrieben. Phase eins: die Begrüßung durch die Klassenlehrerin, die seit drei Jahren versucht, über ein defektes Whiteboard eine Präsentation zu starten. Phase zwei: das große Organisatorische – Ausflugskasse, Kopiergeld, Ganztagsangebote. Phase drei: die heilige Diskussion um den Kuchenplan für das Klassenfrühstück, bei der sich herausstellt, dass es in jeder Klasse Deutschlands mindestens eine Mutter gibt, die sich für die Kuchenfrage mehr interessiert als die Bundesregierung für den Haushalt. Phase vier: ein ernstes Thema, meist Medienzeiten oder Sozialverhalten, und damit der eigentliche Grund, warum wir gekommen sind. Phase fünf: die Erkenntnis, dass die Uhr 21:15 zeigt und noch niemand nach Hause darf.
Mein Freund Jens, Vater von drei Kindern und längst über vierzig, hat mir von seinem bisherigen Highlight berichtet: Eine Mitmutter referierte zwanzig Minuten über den „richtigen“ Ablauf der Pausenmilchbestellung, inklusive Diagramm auf dem Handy. Als sie fertig war, fragte der Lehrer freundlich, ob jemand etwas zum „Raumklima“ beitragen möchte, und ein Vater aus der letzten Reihe meinte tatsächlich, er fände die Heizung zu hoch. Jens, der kurz vorher seinen Zahnarzttermin wegen dieser Veranstaltung verschoben hatte, sagte mir später: „Ich habe gelernt, dass Geduld keine Tugend ist, sondern eine Überlebensstrategie.“ Recht hat er.
Wer schreibt hier eigentlich mit?
Die wichtigste Regel für jeden Elternabend lautet: Du gehst nicht hin, um zu reden, sondern um mitzuschreiben. Studien zur Gedächtnisleistung zeigen immer wieder: Ohne Notizen bleibt vom mündlichen Vortrag nach einer Woche nur noch ein Bruchteil übrig – und genau diese Woche später brauchst du die Information über den kommenden Wandertag. Ich habe mir deshalb angewöhnt, mir vorher drei Fragen aufzuschreiben, die ich wirklich beantwortet haben möchte, und alles andere höflich zu überhören. Meine Frau und ich haben zudem eine bewährte Regel: Wir wechseln uns ab. Wer geht, kommt mit einem Kurzprotokoll zurück und wird am selben Abend noch informiert, damit der andere nicht am nächsten Morgen vor dem Klassenportal steht und „Äh, gibt es morgen Sport?“ fragt.
Falls dir das handschriftliche Mitschreiben zu altmodisch ist – der Bestsellerautor Sebastian Fitzek und der Illustrator Jörn „Stolli“ Stollmann haben für genau diese Situation ein Kritzelbuch für den Elternabend entwickelt. Auf der einen Seite Platz für die wirklich wichtigen Notizen, auf der anderen Seite genug Raum, um während der Kuchenplan-Diskussion kleine Kunstwerke zu erschaffen. Der Preis ist moderat, der Unterhaltungswert unbezahlbar.
Endlose Diskussionen und das große Ganze
Warum reden wir Eltern überhaupt so viel? Psychologen haben dafür eine schöne Erklärung: Der Entwicklungspsychologe Erik Erikson beschreibt das mittlere Erwachsenenalter als Phase der „Generativität“ – wir wollen Erfahrungen weitergeben, etwas bewirken, gestalten. Und wo bietet sich das besser an als auf einem Elternabend? Dazu kommt: Wir, die Späteltern, waren selbst einmal Schüler, und zwar vor gefühlten dreißig Jahren. Seitdem haben wir Meinungen entwickelt. Viele davon. Über Handynutzung in der Pause, über Hausaufgaben, über die richtige Ernährung beim Klassenfrühstück. Und irgendwann sitzt man da und merkt, dass der eigene Beitrag zur Tagesordnung eigentlich nur laut gedachtes Bauchweh ist.
Die gute Nachricht: Es gibt tatsächlich etwas zu besprechen. Die Schulen verändern sich gerade rasant – von digitalen Kommunikations-Apps, über die Einladungen zu Elternabenden längst verschickt werden, bis hin zum vielerorts beklagten Lehrermangel, der dafür sorgt, dass Klassenlehrer oft drei Klassen parallel managen. Ein bisschen Nachsicht schadet also nicht. Der Psychologe und Mediator Marshall Rosenberg hat dafür übrigens ein bewährtes Werkzeug beschrieben: die Gewaltfreie Kommunikation. Übersetzt heißt das für den Elternabend: Statt „Das kann doch nicht sein, dass schon wieder kein Wandertag geplant ist!“ einfach mal „Ich mache mir Sorgen, dass die Kinder zu wenig Bewegung haben. Wie können wir das gemeinsam angehen?“ formulieren. Funktioniert im Familienrat, in der Partnerschaft – und überraschenderweise auch im Klassenzimmer. Meistens jedenfalls.
Die Kunst, nicht alles persönlich zu nehmen
Mein persönlicher Rekord liegt bei einem Elternabend, der um 19:30 Uhr begann und um 22:15 Uhr endete, weil drei Erwachsene hitzig darüber diskutierten, ob die Ausflugskasse per App verwaltet werden sollte oder per klassischem Umschlag. Zwischendurch hörte ich eine Mutter seufzen: „In zehn Jahren können wir uns nicht einmal mehr an diese Diskussion erinnern.“ Sie hatte recht – und trotzdem ging es noch zwanzig Minuten weiter. Ich habe in dieser Zeit gedanklich eine Einkaufsliste geschrieben, den nächsten Urlaub geplant und beinahe meditiert. Wer Elternabende überleben will, braucht innere Abgrenzung. Wer zudem über die Absurditäten des Schulalltags lachen kann, hat schon gewonnen – dazu hat die Autorin Marlene Hellene ein unterhaltsames Buch über Absurditäten aus dem Schulalltag zwischen Hausaufgaben und Haareraufen geschrieben, das sich wie ein Feldbericht aus dem wahren Leben liest.
Die Vorteile der späten Elternschaft
Jetzt kommt der gute Teil: Spät Eltern zu werden hat handfeste Vorteile. Wir sind finanziell stabiler, beruflich etabliert und emotional gefestigter. Studien zur Lebenszufriedenheit von Eltern finden immer wieder, dass Menschen, die später Kinder bekommen, sich im Schnitt gelassener erleben – sie haben weniger das Gefühl, etwas zu verpassen, weil sie das „Etwas verpassen“ bereits hinter sich haben. Auf dem Elternabend zeigt sich das deutlich: Während die jüngeren Eltern im Raum noch nervös auf ihre Nachwuchs-Apps starren, sitzen wir entspannt in der zweiten Reihe und wissen, dass kein Kind dieser Welt an einem halb verpassten Infoabend kaputtgeht. Diese Gelassenheit nimmt das Kind im Alltag wahr, und sie nimmt auch die Lehrkraft wahr. Das ist mehr wert als jedes theoretische Erziehungskonzept.
Hinzu kommt: Wir haben gelernt, Prioritäten zu setzen. Wer mit über vierzig Vater wird, weiß, dass man nicht alles gleichzeitig können muss. Deshalb gehe ich auch nicht zu jedem Elternabend. Ich gehe dorthin, wo es wirklich um mein Kind geht, und ich melde mich ab, wenn es nur um Organisatorisches geht. Meine Frau macht es genauso – mit dem Unterschied, dass sie deutlich besser darin ist, höflich zu nicken, während sie innerlich einen Kalender führt. Das ist ein Talent, das man nicht lernen kann. Das bekommt man geschenkt oder nicht.
Die Herausforderungen – oder: Der Rücken schmerzt immer zuerst
Natürlich hat die späte Elternschaft auch ihre Schattenseiten, und die spüren wir auf jedem Elternabend am eigenen Körper. Die Stühle. Die Knie. Das Heimweh nach dem Sofa. Hinzu kommt, dass viele von uns in der sogenannten Sandwich-Generation stecken: Während wir uns um unsere Kinder kümmern, kümmern wir uns zunehmend auch um unsere älter werdenden Eltern. Terminplaner, die früher mal Freizeit waren, sind heute Koordinationssysteme für Großelternbesuche, Kitafeiertage und die eine Stunde am Wochenende, in der man ungestört Kaffee trinken darf.
Auch das gehört ehrlich dazu: Mit steigendem Alter der Eltern steigen in der Medizin gewisse Risiken – darüber sprechen die Ärztinnen und Ärzte offen, und wir sollten es nicht schönreden. Aber ebenso wahr ist, dass die meisten von uns diese Jahre mit deutlich mehr Reife, Geduld und auch Dankbarkeit durchleben als wir es mit fünfundzwanzig getan hätten. Ich weiß jedenfalls: Hätte ich mein erstes Kind mit fünfundzwanzig bekommen, wäre ich heute wahrscheinlich müde, ungeduldig und ständig genervt. So, wie es ist, bin ich nur manchmal müde. Das ist ein Fortschritt.
Zehn Überlebensstrategien für den nächsten Elternabend
- Abwechseln statt aufopfern: Klärt vorher, wer von euch geht. Wer gehen muss, hat Anspruch auf ein Kurzprotokoll am selben Abend – und auf eine Tasse Tee.
- Drei Fragen vorbereiten: Schreibt euch auf, was ihr wirklich wissen wollt. Alles andere ist Rauschen.
- Den richtigen Platz wählen: Hinten links ist der Fluchtweg. Vorne ist für die, die wach bleiben wollen. Entscheidet bewusst.
- Mitschreiben, mitschreiben, mitschreiben: Ein kleines Notizbuch oder eben das erwähnte Kritzelbuch – alles schützt vor dem großen Vergessen.
- Ich-Botschaften verwenden: Nach Rosenberg. Klingt nach Therapie, wirkt aber auch im Klassenzimmer.
- Elternabend-Bingo spielen: Setzt euch innerlich kleine Kreuze, wenn der Klassiker kommt: die Kuchenfrage, die Diskussion um die Heizung, der Vater, der neunmal nachfragt. Bingo bei drei in einer Reihe.
- Nicht alles auf das eigene Kind beziehen: Wenn die Lehrerin sagt, dass „die Klasse“ laut ist, ist damit nicht euer Kind gemeint. Wirklich. Glaubt es.
- Bewusst Kuchenverantwortung übernehmen: Wer Klassensprecherin oder Kassenwart wird, übernimmt ein Ehrenamt. Rechnet ehrlich durch, ob die Zeitbudgets das hergeben – und sagt sonst freundlich, aber bestimmt Nein.
- Am Ende zusammenfassen: Die drei wichtigsten Erkenntnisse nach Hause tragen. Dann ist der Abend kein verlorener, sondern ein gespeicherter.
- Humor als Dauerstrategie: Wer über die Absurdität des Ganzen lachen kann, hat schon halb gewonnen. Und zur Not hilft ein gutes Buch über das Thema – zum Beispiel der Survival Guide für den Elternabend von Sebastian Fitzek und Jörn Stollmann, der mit ungeschönter Wahrheit und einem Augenzwinkern durch die schwierigsten Diskussionen führt.
Am Ende geht man erhobenen Hauptes nach Hause
Wenn der Elternabend vorbei ist – und irgendwann ist er das immer –, geschieht etwas Bemerkenswertes: Man hat nicht nur die wichtigsten Infos bekommen, sondern auch die Menschen kennengelernt, mit denen man die nächsten Jahre durch Kindergeburtstage, Sportfeste und Klassenfahrten navigiert. Und man hat sich wieder daran erinnert, dass Schule ein Gemeinschaftsprojekt ist: Eltern, Kinder, Lehrkräfte – alle sitzen im selben Boot, nur mit unterschiedlichen Rudern und manchmal ohne Paddel.
Der Romanautor Sebastian Fitzek, dessen Bücher sonst eher für Spannung als für Erziehungsfragen bekannt sind, hat dem Phänomen mit „Elternabend: Kein Thriller“ ein Denkmal gesetzt – und der Titel sagt eigentlich schon alles: Es ist kein Thriller, auch wenn man manchmal das Gefühl hat, mitten in einem zu stecken. Es ist das echte Leben, mit all seinen Kuriositäten.
Und dann steht man draußen auf dem Schulhof, streckt den Rücken durch, atmet die frische Abendluft ein und stellt fest: Es war gar nicht so schlimm. Vielleicht sogar ganz gut. Man hat gelacht, genickt, gelernt und nebenbei eine halbe Stunde lang nicht an die Arbeit gedacht. Nächstes Mal schicke ich meine Frau. Und falls sie keine Zeit hat, nehme ich das Kritzelbuch mit – und einen Termin beim Physiotherapeuten.
